Granatspitze – vermeintlich kleine Tour ganz groß

30.-31.07.11, mit Christian Harrer – Was lese ich denn da im Sektionsheft: eine Hochtour mit machbaren 900Hm am Tourentag und dazu noch eine komfortable Übernachtung auf der Rudolfshütte, die wohl mehr ein Berghotel ist. Wenn das nicht nach einer idealen Wiedereinstiegstour aussieht!? Ein Telefonat mit Christian, dem Tourenführer, bestätigt mich: Das wird eine griawige Tour und ich darf mit. Soweit der Plan.

Passend zum Rest des Sommers, waren die Wetterprognosen auch für unser Tourenwochenende eher durchwachsen. Die komfortable Rudolfshütte nebst Wellnessbereich und die besseren Aussichten für den Sonntag lassen uns dennoch alle um 8:00 Uhr zum Pendlerparkplatz in Bad Aibling kommen. In zwei Autos geht es weiter in die Weißsee Gletscherwelt bei Uttendorf.

Der Himmel schaut zwar nicht gerade freundlich drein, als wir am Parkplatz der Gondelbahn ankommen, aber es könnte noch halten. Die Diskussion um die Auffahrt mit der Gondel findet keine Beachtung und wird damit im Keim erstickt. Also, ab mit dem Rucksack samt Schlosserei auf die Schultern und los geht´s gleich mal steil bergauf. Pünktlich zur Mittelstation holt uns der Niesel ein. Allerdings ist die Landschaft rundrum idyllisch und der Wasserfall, der im Winter unter Eiskletterern als „Gläserne Madonna“ bekannt ist, ziemlich schön, so dass wir munter plappernd weiter laufen (natürlich nicht ohne einen kurzen Gondeleinsteigversuch). Ca. 200Hm unterhalb der Rudolfshütte verschluckt uns der Nebel und der Niesel wird zu Regen. Durch große Pfützen patschend geht´s weiter bergauf und plötzlich taucht das riesige Gebäude der Rudolfshütte vor uns auf. Geschafft.

Drinnen erwartet uns trotz der Größe des Hauses ein gemütliches Ambiente. Kurz trockengelegt und mit Kaffee und Kuchen gestärkt treffen wir uns an der Indoor-Kletterwand zur Spaltenbergungsübung. Unglaublich, wie man die Details doch alle Jahre wieder vergisst!? Doch Christian hat´s fest im Griff und wir dann auch wieder – hoffen wir und er! Doch das Highlight des Tages sollte dann noch kommen. Man hatte ja schon munkeln hören, dass es auf der Rudolfhütte den höchstgelegenen Wellnessbereich Österreichs geben soll, doch das dieser auch noch so hübsch und einladend daherkommt, hätten wir nun wirklich nicht gedacht. Von der Sauna mit Panoramafenster bis zur Heißen-Stein-Liege bleibt kein Wunsch offen. Pfff, was kann uns da noch der Regen da draußen! Falsch gedacht. Denn nach einem gemütlichen Buffetabendessen erfahren wir, dass unser Bergsteigerquartier im Nebengebäude liegt. Also, mit Gebrummel rein in die nassen Sachen und raus mit uns. Jedoch erweist sich das Nebengebäude als kleiner Bergsteigertraum, der keinen Wunsch offen lässt. Soviel Luxus auf einer Tour!

Aufgrund der durchwachsenen Wetterprognose mit Besserung am Vormittag ist auch unsere Weckzeit zur Freude aller moderat. Nach einem schönen Frühstück im Haupthaus geht´s zuerst ein kleines Stück bergab zum Weißsee-Stausee und um dessen nord-östliches Ufer herum. Ab da steigen wird in schottrigen Serpentinen aufwärts und dann auf eine felsige Steilstufe zu, die wir mittels Drahtseilen und Leitern gut erklimmen können. Die Wolken gönnen uns immer öfter einen Blick auf die umliegenden Berge, was auf die versprochenen Wettebesserungen hoffen lässt. Einzig der Wind pfeift ab und an unangenehm ums Eck.

Nicht lange nach dem Felsriegel haben wir den ersten Schneekontakt und seilen uns an. Das schlechte Wetter der letzten Wochen macht sich hier oben deutlich bemerkbar: Es liegt für Juli ordentlich viel Schnee. Obwohl Christian die mühselige Spurarbeit für uns übernimmt, hat doch jeder mehr oder weniger mit seinen persönlichen Einbruchlöchern zu kämpfen. Zu allem Überfluss dreht das Wetter wieder in die andere Richtung und der Nebel hat uns bald vollends verschluckt. Weiß über weiß und von Aussicht keine Spur. Wo samma überhaupt? So stapfen wir weiter. Und wieder dreht sich´s Wetter und wie sich zeigt, weiß der Christian wo´s hingeht, denn die Wolken geben den Blick auf die Granatspitze frei, die als herrlicher Felszahn vor uns steht.

Endlich freier Blick

Kompakter Fels erwartet uns als genussvoller, luftiger Blockwerkgrat. Auch hier oben haben sich Schneereste gehalten, was den Anspruch der Kraxelei noch mal erhöht. Jedoch ist Christian stets für die ein oder andere Hilfestellung da und an einer recht rutschigen Stelle zaubert er uns einen sicheren Bierhenkelgriff mittels Schlinge. So stehen wir bald drauf allesamt glücklich und zufrieden am Gipfel und auch das Wetter hat ein Einsehen mit uns und gewährt uns den ein oder anderen Blick auf den Glockner oder den Johannisberg und die sonstige Nachbarschaft. Nach einer kurzen Rast geht die Kraxelei abwärts und windgeschützt kommt die verdiente ausgiebige Mittagsrast.

Am Gipfelgrat

Doch was soll das, plötzlich verschluckt uns wieder der Nebel. Wir beschließen, den benachbarten Sonnblick auszulassen und direkt den Rückweg über das spaltige Sonnblickkees anzutreten. Auf der Querung rüber zur Anstiegsroute des Sonnblicks sinken wir  tief in den Schnee ein. In der vorhandenen Spur machen wir uns an den Abstieg. Aber auch hier gibt immer wieder der Boden unter uns nach. Der ein oder andere Fuß sucht sich einen Weg in die Spalten. Alles kein Problem, aber dafür umso spannender.

Abstieg zu den Weißseen

Unter uns breiten sich malerisch die Seen der Weißseegletscherwelt aus. Ein steiler Abschwung trennt uns noch vom Gletschersee des Sonnblickkees und gedanklich sind wir schon fast unten als der Untergrund unangenehm wird. Matschiger Sulz auf Blankeis empfängt uns ausgerechnet in diesem steilen Stück. Also, Steigeisen an und breitbeinig abwärts gedappt. Christian setzt zur Sicherheit noch eine Eisschraube. Kaum runter vom Eis dürfen wir uns alle gegenseitig an die Leine nehmen und kratzen und quietschen mit Seil und Steigeisen über eine kleine Felsstufe. Bloß ned im Seil verheddern. Wieder auf dem Gletscher treten wir eine klitzekleine Lawine los, die faszinierend langsam aber stetig größer werdend bergab fließt. Ja, und dann hat der Gletscher ein paar hundert Meter, bevor wir ihn verlassen, noch was Besonderes für uns. „Krawumm“ eine Sekunde lang vibriert der Boden unter uns. Nichts Schlimmes passiert, eine kleine Setzung, aber das Geräusch in Kombination mit der Vibration geht einem durch und durch.

Als wir wieder festen Boden unter den Füssen haben, wandern wir über Schotter und Gletscherschliff hinunter zum Weißsee. Ein kleiner fieser Gegenanstieg hinauf zur Rudolfshütte erwartet uns, wo wir unsere Rücksäcke wieder vollständig packen. Silvie und ich beschließen den weiteren Abstieg komfortabel in der Gondel zu meistern. Die Männer entscheiden sich, die Tour „by fair means“ abzuschließen.

Am Parkplatz angekommen kehren wir alle zum gemütlichen Ausklang dieser abwechslungsreichen Hochtour ein. Da war wirklich von allem ein bisschen was dabei!

Vielen Dank an Christian für diese tolle Tourenwahl und die umsichtige, souveräne Führung und natürlich auch für´s permanente Seiltragen.
Und was haben wir gelernt: Auch eine vermeintlich kleine Tour kann bei den entsprechenden Verhältnissen schnell ganz groß werden.

Alle beinander

Tourenführer: Christian
Teilnehmer: Silvie, Peter, Martin, Karola (Bericht)

Dieser Beitrag wurde unter Tourenberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar