Venter Runde

20.-25.4. 2014 – Der ursprüngliche Hochtourenplan, eine Runde in der Dauphiné zu drehen, war nach den ersten Informationen mit einzelnen Tagesetappen von mehr als 2.000 Hm, bald passé. Warum auch in die Ferne schweifen, wenn die Ötztaler Runde, die von Obergurgel startet und über die Langtalereckhütte führt, so nah liegt.

Doch auch dieser Plan musste wegen schlechtem Wetter und dann heiklem Übergang am Schalfkogel zur Martin-Busch-Hütte kurzfristig geändert werden. Schließlich stiegen wir, Matthias, Michael, Rudi und Wolfgang, am Ostersonntag Nachmittag von Vent bei bedecktem Himmel entlang der Niedertaler Ache, einige Lawinenkegel mit Naßschnee kreuzend und mindestens zehnmal die Ski abschnallend und wieder anschnallend, zur Martin-Busch-Hütte (2.501 m ü.N.N.) auf, wo wir in einem kleinen Lager gut untergebracht wurden.

Am nächsten Morgen schienen die Wolken etwas höher zu sein und wir marschierten zunächst flach ansteigend ins Tal des Niederjochbaches bis auf knapp 2.900 m ü.N.N., bevor wir uns zusammen mit einer von einem Bergführer geleiteten DAV-Summit-Gruppe links zum Niederjochferner wandten. Mit jedem Höhenmeter wurde die Sicht schlechter und der Wind stärker. Der Bergführer mit seiner Gruppe wählte die Abfahrt zur Similaunhütte und wir wurden schlussendlich von einem orkanartigen Schneesturm ca. 200 m unter dem Similaun-Gipfel zum Rückzug gezwungen. Zu allem Übel waren die Schneeverhältnisse (windgepresster Deckel) auch nicht die besten, so dass wir uns auf die riesigen Apfelstrudel zum Kaffee in der MBH freuten.

Über Nacht klarte es auf und bei blauem Himmel brachten wir schnell den Talhatscher vom Vortag hinter uns, bis wir wieder auf 2900 m ü.N.N. abbogen, aber diesmal nach rechts und dann im Sonnenschein den Hauslab-Gletscher hinauf zum Tisenjoch (Südtirol), wo ein stattliches Denkmal auf die Fundstelle (3.210 m ü.N.N.) des Eismannes, auch Ötzi genannt, hinweist. Wir schnaufen noch einige Meter zum Hauslabjoch hinauf und queren nach Westen zum Skidepot der Fineilspitze, deren Gipfel (3.512 m ü.N.N.) wir mit angelegten Steigeisen, Matthias unaufhaltsam vorausspurend, über den Nordgrat gegen Mittag erreichen.

Schöne Aussicht

Schöne Aussicht

Die Abfahrt führt uns bei bestem Tiefschnee nach Norden entlang eines Felsriegels, in dessen Verlängerung wir mit einer rassigen Tiefschneeabfahrt eine Abbruchkante überwinden, nach der wir auf die Aufstiegsspur vom Hochjoch-Hospiz zur Schönen Aussicht Hütte (2.842 m ü.N.N.) treffen. Das gebuchte Appartement in der Alberga Bella Vista entpuppt sich als kleines Vierbett-Mansardenzimmer, aber die 6 nagelneuen Duschen und das 4-Gängemenü mit Käse-Pasta als Vorspeise sind Entschädigung genug. Die Mehrzahl der Gäste in der gut belegten Unterkunft kommen vom Schnalstaler Gletscherskigebiet. Nach einem kleinen Schafkopf suchen wir zeitig unsere Betten auf, da am nächsten Tag streckenmäßig die Königsetappe vor uns liegt.

Nach einem ausgiebigen Buffet-Frühstück quälen wir uns ab halb sieben bei Sonnenaufgang eine Skipiste hinauf, halten uns oben westlich, um zum Punkt 3.162 m ü.N.N. zwischen „Egg“ und „Am hinteren Eis“ zu gelangen. Wir sind sehr gespannt, welche Schwierigkeiten die Einfahrt in den Seitengletscher des Hintereisferners bereiten wird.

Nachdem sich ein kleines Nebelfeld verzogen hat, fahren wir mit einem beherzten Schwung über die Kante in unverspurtem Tiefschnee fast 400 Hm hinunter auf den Hintereisferner – ein Traum ! Aber die Euphorie ist schnell vorbei bei dem Gedanken, bei gleißender Sonneneinstrahlung nochmals 900 Hm über 4 km aufsteigen zu müssen, um die Weißkugel (3.739 m ü.N.N.) erklimmen. Zur Gewichtsverringerung der schweren Rucksäcke legen wir ein Materialdepot an.

Das Hintereisjoch, unser nächstes Etappenziel, erscheint in weiter Ferne am westlichen Horizont. Schritt für Schritt quälen wir uns auf der endlos weiten Gletscherfläche nach oben. Nach dem Joch, hier wieder in Südtirol, geht es erst richtig steil bergan. Aber wir haben ja Matthias, der eine sehr steile, aber gangbare Spur für uns – und die vielen, die noch nachkommen werden – in den Gipfelhang legt. Die letzten Meter über den Grat zum Gipfelkreuz der Weißkugel (= dritthöchster Berg Österreichs) sparen wir uns wegen aufkommendem Wind und Nebelschwaden.

Auf der Weißkugel

Auf der Weißkugel

Bei der verdienten Pause in der Sonne unten an der Riesenwächte des Joches fragt uns ein – dem Dialekt nach zu schließen – Südtiroler „Warum habt ihr das Gurtzeug an?“ Wir antworten erstaunt „Weil wir auf einem spaltenreichen Gletscher unterwegs sind“. Die Dame der Gruppe, die wie alle anderen auch ohne jegliche Gletscherausrüstung unterwegs ist, wirft mitleidig ein „Die wissen halt nicht, dass die Spalten zu sind“!?? Etwas verdutzt wünschen wir noch einen guten Aufstieg. Aber es sollte gleich noch viel besser kommen.

Bei der Abfahrt mitten auf dem über 10 km langen Hintereisgletscher stoppen uns zwei Italiener durch laute Zurufe mit der Frage nach dem Weg: „Wo geht´s hier nach Italien???“ Irgendwie ungläubig ob der fehlenden Wegkunde der beiden setzen wir unsere Abfahrt bis zum Schneeende auf 2.293 m ü.N.N. fort. Ein kleiner Pfad bringt uns nach 7 ½ Stunden Tour zur Hochjoch-Hospizhütte (2.413 m ü.NN., erbaut 1927), die seit 2013 wieder geöffnet hat und damit die komplette Venter Runde erst wieder möglich macht. Ein netter Wirt (Thomas Pirpamer), Kaffee und Kuchen, ein gutes Abendessen und ein entspanntes Schafkopfen lassen den Tag mit knapp 20 km Wegstrecke ausklingen und uns erschöpft in die Betten fallen (Achtung, Absturzgefahr bei den oberen Betten mit > 2 m über dem Boden).

Am nächsten Tag folgt der Aufstieg in der Morgensonne über Schneefelder und braune Wiesen zur „Provianthüttte“ auf 2.786 m ü.N.N.. Oberhalb davon gelangen wir Richtung Nordwesten am Hang entlang bis auf den Kesselwandferner und damit zum Eintritt in eine scheinbar endlose Gletscherfläche mit dem Brandenburger Haus, in der Mitte auf einem Felssporn thronend. Unser Ziel ist heute der Fluchtkogel (3500 m ü.N.N.), der nicht ganz so einsam ist, da eine gehörige Anzahl von Tourengehern von der Vernagt-Hütte herauf kommt, zu der wir über das Obere Guslarjoch in stark brüchigem Schnee und Sulz abfahren. Die Sonnenterasse mit dem obligatorischen Kaffee und Kuchen läßt alle Strapazen vergessen.

Eigentlich ist für den Freitag schlechtes Wetter angesagt, aber der Wirt und die Gerüchteküche behaupten, dass dieses erst später (nur wann?) kommt. Also steigen wir in aller Frühe über den kleinen Vernagtferner zum Brochkogeljoch (3423 m ü.N.N.) auf, welches mit stark vereistem Schnee nur mit Harscheisen zu bezwingen ist. Von dort ist die Wildspitze (3.770 m ü.N.N.) schon in Sichtweite, die wir über den Südgrat mit Steigeisen und Skiern auf dem Buckel bezwingen.

Jetzt beginnt das richtige Abenteuer. Durch Tipps vom Hüttenwirt und einem Bericht in der Panorama stapfen wir über den Firngrat zum Nordgipfel, fahren bzw. rutschen dort steil ab auf einen kleinen Rücken, queren dann über weite Gletscherflächen Richtung Nordosten (Söldener Skigebiet in Sichtweite), wo wir von einer Senke unter einem kleinen Sérac wieder aufsteigen, um schließlich zum Rofenkarferner zu gelangen. Bei der Einfahrt unter einer beeindruckenden Riesenwächte heißt es nochmals kurz das Herz in die Hand zu nehmen und in diesen grandiosen Steilhang einzutauchen.

Wie uns geraten, halten wir uns immer orographisch links und umfahren so den Gletscherbruch, bis wir schließlich rechts die Abfahrtspuren von der Breslauer Hütte erspähen und gemütlich über die Schneereste der Skiabfahrt nach Vent gelangen, nach fast 2.000 Hm Abfahrt als krönendem Abschluss einer imposanten Tour.

Man muss also nicht unbedingt in die Westalpen fahren, um ein intensives Hochtourenvergnügen zu erleben.

Teilnehmer: Michael Kreuz (Fotos), Matthias Riedl, Rudi Riepl (Bericht), Wolfgang Lex
Alpenvereinskarten 30/1 und 30/2.

Similaun http://www.komoot.de/tour/t2626031
Finailspitze http://www.komoot.de/tour/t2626096
Weißkugel http://www.komoot.de/tour/t2649138
Fluchtkogel http://www.komoot.de/tour/t2649155
Wildspitze http://www.komoot.de/tour/t2649159

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