Gletscherkurs 2017 auf der Wiesbadener Hütte

01.-04-07.2017 – Nach zwei absolvierten Theorieabenden über Ausrüstung, Orientierung und Tourenplanung waren unsere acht Teilnehmer gut für die vier Praxistage auf der Wiesbadener Hütte in der Silvretta gerüstet.

Drei Tage vor unserem Start dann die Nachricht vom Tourenleiter Matthias: Er kann nicht mit! Der Schleimbeutel im Knie macht ihm arge Probleme. Was nun? So kurzfristig konnte kein anderer unserer Fachübungsleiter einspringen. Hätte vielleicht jemand aus unserer Bergsteiger-Gruppe Zeit? Wir überlegten lange nach einer Lösung und fanden sie mit der Vroni, die sich bereit erklärte, Karola beim Kurs zu unterstützen. Was dann auch ganz hervorragend geklappt hat! Zwei Teilnehmer mussten leider trotzdem zu Hause bleiben. Sehr schade, aber in dieser Konstellation leider nicht zu vermeiden.

1. Tag Anreise und Hüttenzustieg

Um 6:20 Uhr trafen wir uns alle in Markt Schwaben am Bahnhof. In zwei getrennten Fahrgemeinschaften ging´s dann los. Die Wetterprognosen waren leider eher ungünstig, aber nicht so schlecht, als dass wir den Kurs ganz absagen hätten müssen. Um nicht im Regen auf das jeweils andere Auto warten zu müssen, machten wir noch einen kurzen Frühstücksstopp beim M-Preis und führen dann Kolonne zur Bieler Höhe. Dort angekommen gab´s nochmal einen Ausrüstungscheck und eine kurze Einweisung, wie man Seil und Pickel ordentlich am Rucksack verstaut. Natürlich blieben wir nich von Karola´s Kofferwaage verschont und schwups, waren damit die Tourenberichteschreiber auserkoren.

Bei passablem Wetter marschierten wir am Stausee entlang und bogen kurz darauf auf den kleinen Sommerweg zur Hütte ab. An einem eigentlich sehr aussichtsreichem Punkt wollten Karola und Vroni uns eine Einführung in die Orientierung mittels Karte und Kompass geben.

Windige Orientierung

Es blies ein scharfer Wind. Wir probierten´s trotzdem. Samma ja auch nicht aus Zucker, aber als dann die letzten Gipfel auch noch hinter Wolken verschwanden, packten wir zusammen und verschoben die Orientierung auf später. An der Hütte angekommen bezogen wir unser gemütliches Quartier und trafen uns dann nochmal zur Ausrüstungs- und Knotenkunde und zur Orientierung in der warmen Stube: Rückwärts einscheiden, seitwärts abschneiden und Co. Der Tag klang gesellig und gemütlich aus.

Griabige Gruppe

2. Tag: Gehen am Fixseil, Gehen am Seil und Steigeisentechnik (Gerlinde und Markus Hübl)

Da es am Sonntag nach dem Frühstück draußen noch deutlich zu nass war und der Wetterbericht für Nachmittag nachlassende Niederschlagstätigkeit ankündigte, blieben wir zunächst auf der Hütte, um im Treppenhaus das Gehen am Fixseil mit Sicherung durch den sogenannten Degengriff zu erlernen.

reppenhaustrainingseinheit

Eine besondere körperliche Anstrengung war wegen der geringen Steigung nicht zu verspüren; das Umsetzen der Schnapp-Karabiner war wegen Führung des Seils um mehrere Ecken jedoch nicht immer ganz einfach.

Am späten Vormittag wagten wir dann doch bei zeitweisem Nieselregen den Weg zur nächsten firnbedeckten Eisfläche, beladen mit Rucksack, Seil, Pickel und Steigeisen. Nach Erläuterungen und Übungen, wie man sich je nach Gruppengröße mit den richtigen Abständen am Seil einbindet, ging es mit Steigeisen an den Schuhen direkt und in Serpentinen den leichten Hang mehrmals hinauf und wieder runter.

Seilschaftsaufbau

Für uns Anfänger war es ziemlich ungewohnt, einen gleichbleibenden Abstand zum Vordermann einzuhalten und mit möglichst wenig Schlappseil – insbesondere um die Kehren – zu gehen. Ohne Seil durften wir dann noch in einem von Karola und Vroni abgesteckten Bereich der Eisfläche mit verschiedenen Steigtechniken auf- und abgehen bzw. steigen, auch unter Verwendung des Pickels.

Im Gleichschritt Marsch

Da wir den Berg nicht steiler neigen konnten, mussten stattdessen wir dies zu Übungszecken tun. Im Liegestütz dürfte kaum ein normaler Mensch einen Berg erklimmen.

Frontalzackentechnik im Flachen

Wie man Eisschrauben setzt, erlernten wir auch. Dass das Entfernen des faulen Eises zum Erreichen des Blankeises auch gleichzeitig eine Belastungsprobe für das Material sein kann, hatte niemand erwartet: Bei einem Pickel brach die Schaufel ab. Mal sehen, was der Hersteller dazu sagt; vielleicht hat er es bei der Leichtbauweise doch etwas übertrieben.

Materialtest

Nach einigen Sprungübungen mit Steigeisen ging’s dann nach etwa fünf Stunden wieder zurück zur Hütte, um das verdiente Bier, das Essen und den Abend zu genießen. Auf dem Weg dorthin beeindruckte uns ein Steinadler, zu dessen Jagdgewohnheiten Karola einiges zu erzählen wusste.

3. Tag: Orientierung, Spaltenbergung und Rutschtechnik (Bernhard Schraufstetter)

Wir begannen den Tag nach einem ausgiebigem Frühstück und starteten fast pünktlich (um kurz nach 8:00 Uhr) nach einem Ausrüstungscheck durch Markus, der heute als erster die Truppe anführen durfte. Wir gingen trotz dichtem Nebel und leichtem Regen voller Euphorie los, denn es stand Interessantes auf dem Programm und laut Wetterbericht konnten wir auch auf Wetterbesserung hoffen!

Die Wetterbedingungen waren für unseren Orientierungsmarsch noch perfekt.

Orientierung im Nebel

Da vor uns in Sichtweite noch eine weitere Gruppe ging, nutzte Karola die Gelegenheit uns die Eigenschaften einer auf unserem Weg wachsenden wunderschön weiss/violett blühenden Polsterblume zu erklären, bis die Gruppe dann außer Sicht war.

So herrschten schließlich realistische Bedingungen für unseren Orientierungsmarsch. Orientierungspunkte waren der Bachverlauf und die in der Karte eingezeichnete Regenmessstation, die nur schemenhaft rechter Hand im dichten Nebel zu erkennen war. Der Weg führte uns über Geröll und vorbei an einem vom Gletscher glatt geschliffenen Felsen (sog. Gletscherschliff). Nach kurzer Trinkpause wurden am Fuße des Vermuntgletschers die zwei 4ér Seilschaften aufgebaut.

Die Sicht wurde langsam immer besser, bis zu unser aller Freude die Sonne die dichte Nebelschicht endgültig durchbrach. Etwas unterhalb der Ochsenscharte übten wir T-Anker setzten.

Anker üben

Da Anker hoit

Beeindruckend war auch die Aussicht, die man oben von der Scharte aus ins Jamtal hatte und die Bergkulisse der umliegenden 3000er.

Um 12:00 Uhr erreichten wir dann die Stelle, an der die Gletscherspaltenbergung geübt werden sollte. Karola und Vroni suchten noch kurz die am besten geeignetste Stelle am Gletscherrand mit Überhang, sicherten das Seilende, erklärten und demonstrierten uns alle wichtigen Details und schon ging es los….

Hau Ruck – is der schwer

Gerlinde stellte sich freiwillig als das erste Spaltensturzopfer zur Verfügung. Der Sturz mit täuschend echtem Geschrei wirkte so realistisch, dass sich unsere beiden Kursleiterinnen sogleich erkundigten, ob denn alles i.O. sei!

Jeder musste einmal alle Positionen in seiner 3er Seilschaft durchmachen. Der „Sturz“ in die Tiefe kostete den ein oder anderen schon etwas Überwindung!

Doch eigentlich war es bei Sonnenschein am Seil hängend, einem netten Ratsch mit dem Sturzkollegen und auf Rettung wartend der gemütlichere Part.

Vorm Sprung

Im Seil

Do is a wieda

Es zeigte sich auch, dass Sturzgewicht und die mehr oder weniger beherzte Art und Weise des Sturzes sich schon deutlich auf die sichernden und für die Bergung zuständigen auswirkte.

Nach dem alle einmal an der Reihe waren, stand noch das üben der verschiedenen Sturztechniken am Steilhang auf dem Programm, was auch richtig Spaß machte!

Rutsch- und Bremstraining

Die gute Sicht auf dem Rückweg wurde von uns gleich genutzt, um schon mal grob die Route für den geplanten Aufstieg am nächsten Tag zum Silvrettahorn festzulegen!
Um 17:30 Uhr kamen wir alle wieder wohlbehalten zur Wiesbadener Hütte zurück und freuten uns auf unser wohl verdientes Abendessen. Es gab Rucolasuppe, verscheerte Laiberl, was bei uns als Fleischpflanzerl bekannt ist und zum Nachtisch noch Schokopudding. Natürlich durfte dann auch ein Schnapserl nicht fehlen.

Gestärkt aber auch schon etwas müde machten wir uns noch daran eine detaillierte Tourenplanung für Dienstag zu machen und holten uns dazu die aktuellsten News bzgl. der möglichen Aufstiegsrouten von unserem bestens informierten Kellner, der vermeintlich auch wußte, wo alle seine Gäste tagsüber am Berg unterwegs waren.

Vor dem Bettgehen konnte man noch eine wunderbar klare Sommernacht mit Vollmond genießen! So ging ein sehr lehr- und ereignisreicher Tag zu Ende.

4. Tourentag in die Scharte am Silvrettahorn (Thomas Brauer)

Nun sollte auch schon mit Abmarsch um 7 Uhr unser letzter Ausbildungstag beginnen, welcher eine klassische Gletscherquerung in Richtung Silvrettahorn vorsah. Dieses war zugleich auch aufgrund seiner Exponiertheit und dem markanten Felsaufbau unweigerlich unser stetiger Wegweiser für den Aufstieg.

Den Aufstiegsweg vor Augen

Hervorzuheben sei an dieser Stelle auch, daß heute entgegen den Vortagen, nur die pure Sonne am Berghimmel auszumachen war. Welch eine Freude für uns alle! Zuerst galt es das sich vor uns befindliche kesselähnliche Gelände mit seinen ausgedehnten Schuttablagerungen zu passieren, um dann im Anschluß das Gletschertor des ‚Ochsentalers‘ zu erreichen. Hier war auch zugleich Ausgangspunkt zur Bildung unserer beiden 4er-Seilschaften. Wie erwartet blieb es natürlich nicht aus, dass unsere beiden Tourenführer, Karola und Vroni, eindringlich das Anseilen auf seine Richtigkeit hin überprüften.

Die ersten Aufstiegspassagen verliefen wie erwartet reibungslos.

Auffi geht´s

Meines Erachtens war es für uns Kursteilnehmenden sicher ein herausragendes Ereignis, zum ersten Mal wenige Kilometer Gletscherdistanz zu bewältigen. Während des Weges nach oben machten uns unsere beiden ‚Guides’ in Lehrbuchmanier auch auf die durch den Neuschnee der letzten Tagen größtenteils verdeckten Spalten aufmerksam, die im Wesentlichen vertikal zum Aufstiegsweg verliefen.

Einige Hundert Meter vor dem Erreichen unseres Tageszieles, der Scharte unterhalb des Silvrettahorns, verließen wir die vorgegebene Aufstiegsspur, um so nicht den letzten Steilanstieg angehen zu müssen, welcher auch zusätzlich nicht in optimaler Linie verlief. Die Frontalansicht des Piz Buins mit dem zu Füße liegenden, sonnenüberfluteten Ochsentaler Gletschers, sprich der Inbegriff eines überragenden Alpenpanoramas, mußte nach Erreichen unseres Zieles natürlich sofort mit unseren Handykameras festgehalten werden!

In der Silvrettascharte mit Piz Buin Blick

Wieder am Ausgangspunkt des Gletschereinstieges angelangt, nutzte unsere Gerlinde die Gelegenheit, um uns zum Mitsingen des Friedensliedes ‚Shalom’ zu bitten. Dieses gedankliche Innehalten sollte in diesem Moment quasi zu Ehren und Gedenken der Naturschönheiten bzw. auch für all diejenigen Mitmenschen bestimmt sein, die entgegen uns selbst nicht unter der Obhut einer relativ sicheren, materiellen Absicherung standen. Nachdem Gerlinde schon tags zuvor den Rückweg zur Hütte barfuß erledigt hatte, zeigten sich heute auch Bernhard und Renate mutig, und stapften tapfer über Geröll und Steine OHNE Schuhe. Hut ab!

Zeigt her eure Füße

Nach einer letzten, deftigen Verpflegung auf der Wiesbadener Hütte traten wir mit dem Wissen, uns zahlreiche Kenntnisse und Fertigkeiten in puncto ‚Hochtour’ angeeignet zu haben, dann etwa gegen 17.30, abfahrend von der Biehler Höhe, die Heimreise an.

Teilnehmer: Gerlinde und Markus Hübl, Thomas Brauer, Renate Resch, Bernhard Schraufstetter und Peter Steuer
Leitung: Karola Rübensaal und Veronika Maier

Dieser Beitrag wurde unter Kurse, Tourenberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.